Agiliana – Wirksam. Partizipativ. Nachhaltig.
Kommunikation

„Ja, aber …“ – und schon ist die Idee tot.

A. Was Unternehmen vom Improvisationstheater über gute Kommunikation lernen können.

Zwei Schauspieler betreten eine Bühne. Sie haben kein Drehbuch und wissen nicht, was der andere gleich sagen wird.

Der erste schaut besorgt aus einem imaginären Fenster: „Kapitän, wir haben einen Eisberg direkt vor uns!“ Der zweite antwortet: „Dafür bin ich nicht zuständig. Bitte wenden Sie sich an die Abteilung Navigation.“

Das Publikum lacht. Die Szene ist vorbei, bevor sie richtig begonnen hat.

Was im Theater offensichtlich absurd wirkt, ist in Unternehmen gar nicht so selten. Ein Vorschlag wird gemacht und reflexartig zurückgewiesen. Eine neue Idee trifft auf drei gute Gründe, warum sie nicht funktionieren kann. Und während die Beteiligten noch ihre Zuständigkeiten klären, ist die ursprüngliche Begeisterung längst verflogen.

Dabei können Gespräche viel mehr sein als der Austausch fertiger Meinungen. Wir alle kennen diese besonderen Momente, in denen eine Idee die nächste auslöst und am Ende etwas entsteht, woran vorher niemand gedacht hatte.

Im Improvisationstheater gehört genau das zum Handwerk. Die Schauspieler entwickeln gemeinsam Geschichten, ohne deren Verlauf zu kennen. Das gelingt nicht durch Zufall, sondern durch Aufmerksamkeit, Übung und einige erstaunlich einfache Spielprinzipien.

Zehn davon könnten auch unserer Kommunikation im Unternehmen guttun.

B. Zehn Improvisationsprinzipien für bessere Kommunikation

1. „Ja, und …“ – Gedanken aufnehmen und weiterentwickeln

Das vielleicht bekannteste Prinzip des Improvisationstheaters: Ein Spieler nimmt die Aussage seines Gegenübers als Ausgangspunkt und ergänzt einen eigenen Gedanken. So kann sich die Geschichte weiterentwickeln.

In Organisationen begegnen uns dagegen häufig Antworten, die mit „Ja, aber …“ beginnen. Damit wechseln wir unmittelbar von der Idee zu ihren möglichen Schwächen. 

Für die Praxis: Nehmen Sie einen Vorschlag zunächst auf und versuchen Sie, ihn durch eine Frage oder Ergänzung weiterzuentwickeln.

„Wir könnten unsere Teammeetings verkürzen.“

Statt: „Ja, aber dann schaffen wir unsere Agenda nicht.“

Besser: „Was müssten wir verändern, damit wir in der Hälfte der Zeit zu guten Ergebnissen kommen?“

Das bedeutet nicht, jeden Vorschlag gutzuheißen. Es bedeutet, ihm einen Moment Raum zu geben, bevor wir über seine Umsetzung entscheiden.

2. Aufmerksam zuhören – nicht nur auf den eigenen Einsatz warten

Improvisationsspieler müssen ihrem Gegenüber aufmerksam folgen. Wer den letzten Satz verpasst, kann kaum sinnvoll daran anknüpfen.

Auch in Besprechungen hören wir häufig nur so lange zu, bis wir ein Argument gefunden haben, mit dem wir antworten möchten. Den Rest des Beitrags nehmen wir dann bestenfalls noch am Rande wahr.

Für die Praxis: Konzentrieren Sie sich zunächst darauf, den Gedanken Ihres Gegenübers vollständig zu verstehen. Fragen Sie nach, bevor Sie Ihre eigene Position darstellen.

„Habe ich richtig verstanden, dass unser Problem weniger die Bearbeitungszeit als die Abstimmung zwischen den Bereichen ist?“

Manchmal verändert eine solche Rückfrage das gesamte Gespräch. Und gelegentlich stellen wir fest, dass wir seit zehn Minuten über unterschiedliche Dinge diskutieren.

3. Mitspieler stärken – anderen zu einem guten Beitrag verhelfen

Im Improvisationstheater gilt eine bemerkenswerte Haltung: Unterstütze deine Mitspieler dabei, gut auszusehen. Wer jede Szene dominieren und selbst die beste Pointe liefern möchte, macht es den anderen schwer. Ein gutes Ensemble dagegen schafft sich gegenseitig Möglichkeiten.

Für die Praxis: Achten Sie nicht nur auf Ihren eigenen Beitrag, sondern auch darauf, wie Sie die Gedanken anderer stärken können. Helfen Sie dabei, Ideen verständlich zu machen, und laden Sie ruhigere Teilnehmende gezielt ein.

„Sie hatten vorhin einen interessanten Gedanken zu unseren Schnittstellen. Möchten Sie den noch etwas erläutern?“

Eine gute Besprechung erkennt man schließlich nicht daran, wer am meisten gesprochen hat. Sondern daran, was die Beteiligten gemeinsam erreicht haben.

4. Nicht blockieren – Ideen erst verstehen, dann bewerten

Im Improvisationstheater bezeichnet Blockieren eine Reaktion, die das Angebot eines Mitspielers zurückweist und damit die Entwicklung der Szene verhindert. Auch in Organisationen verfügen wir über einen erstaunlich großen Vorrat solcher Formulierungen:

„Das haben wir schon versucht.“

„Das funktioniert bei uns nicht.“

„Dafür fehlen uns die Ressourcen.“

Manchmal sind diese Einwände vollkommen berechtigt. Aber wenn sie zu früh kommen, erfahren wir nicht einmal, welches Potenzial in einer Idee steckt.

Für die Praxis: Trennen Sie das Verstehen und Weiterentwickeln einer Idee von ihrer anschließenden Bewertung. Fragen Sie beispielsweise: „Was genau haben wir damals versucht? Und was wäre diesmal anders?“

So werden frühere Erfahrungen zu hilfreichen Informationen, statt jede neue Diskussion zu beenden.

5. Klare Angebote machen – anderen das Anknüpfen erleichtern

Auf einer Improvisationsbühne hilft es, wenn Spieler konkrete Informationen liefern: einen Ort, eine Situation, eine Beziehung oder ein erkennbares Anliegen. Mit „Hier stimmt etwas nicht“ lässt sich eine Szene schwerer entwickeln als mit „Seit gestern sitzt ein Pinguin im Chefbüro“.

Auch in Organisationen bleiben Gesprächsbeiträge manchmal so allgemein, dass niemand sinnvoll daran anknüpfen kann.

„Wir müssen unsere Kommunikation verbessern“ ist dafür ein beliebtes Beispiel. Alle stimmen zu. Nur weiß anschließend niemand, was sich verändern soll.

Für die Praxis: Formulieren Sie Beobachtungen, Vorschläge und Erwartungen möglichst konkret.

„Bei unseren Projektübergaben fehlen häufig wichtige Entscheidungen. Ich schlage vor, dass wir diese künftig auf einer gemeinsamen Seite dokumentieren.“

Jetzt haben die anderen etwas, das sie prüfen, ergänzen oder verbessern können.

6. Fehler aufnehmen – Missverständnisse konstruktiv klären

Im Improvisationstheater passieren Fehler. Ein Spieler missversteht eine Aussage, vergisst einen Zusammenhang oder reagiert völlig anders als erwartet. Erfahrene Spieler versuchen dann, die Situation gemeinsam aufzufangen. Manchmal entsteht dabei sogar die beste Wendung des Abends.

Im Arbeitsalltag reagieren wir auf Missverständnisse gelegentlich mit Rechtfertigungen, Schuldzuweisungen oder langen Erklärungen darüber, was eigentlich gemeint war.

Für die Praxis: Sprechen Sie Missverständnisse frühzeitig und ohne Schuldzuweisung an. Klären Sie, was die Beteiligten jeweils verstanden haben, und führen Sie das Gespräch von dort weiter.

„Ich glaube, wir haben gerade zwei unterschiedliche Vorstellungen davon, was unter einer abgeschlossenen Aufgabe zu verstehen ist.“

Ein solcher Satz kann viel Zeit sparen. Vor allem verhindert er, dass aus einem kleinen Missverständnis ein großer Konflikt wird.

7. Raum geben – nicht jede Gesprächssituation dominieren

Improvisation lebt vom Wechselspiel. Ein Spieler beginnt eine Szene, ein anderer entwickelt sie weiter. Die Beteiligten wechseln zwischen Initiative, Unterstützung und Beobachtung. Ein Schauspieler, der ununterbrochen spricht und seinen Mitspielern keinen Raum lässt, könnte seine Vorstellung vermutlich ebenso gut allein aufführen.

In Meetings gibt es ähnliche Dynamiken. Einige sprechen viel, andere kaum. Gute Gedanken bleiben unausgesprochen, weil der passende Moment nie kommt.

Für die Praxis: Achten Sie auf die Verteilung der Redeanteile. Halten Sie gelegentlich bewusst inne und laden Sie weitere Perspektiven ein.

„Welche Sichtweise haben wir bisher noch nicht gehört?“

Gerade Führungskräfte können hier viel bewirken. Wer seine eigene Meinung zu früh und zu ausführlich darstellt, beeinflusst möglicherweise das gesamte weitere Gespräch.

8. Unerwartetes nutzen – neugierig auf neue Perspektiven bleiben

Beim Improvisationstheater kann ein einziger Satz die gesamte Geschichte verändern. Gute Spieler versuchen nicht, die Szene um jeden Preis auf den ursprünglich gedachten Verlauf zurückzuführen. Sie prüfen, was die neue Wendung ermöglicht.

In Organisationen halten wir dagegen gern an der vereinbarten Agenda fest. Selbst dann, wenn gerade ein Gedanke aufkommt, der für das eigentliche Thema ausgesprochen wertvoll sein könnte.

Für die Praxis: Prüfen Sie bei unerwarteten Beiträgen, ob darin eine relevante neue Perspektive steckt. Geben Sie solchen Gedanken bewusst Raum, ohne das Ziel des Gesprächs aus den Augen zu verlieren.

„Das hatten wir heute nicht vorgesehen. Aber der Punkt könnte für unsere Entscheidung wichtig sein. Lassen Sie uns kurz darauf eingehen.“

Nicht jede Abschweifung ist hilfreich. Doch eine Agenda sollte ein Gespräch unterstützen, nicht interessante Erkenntnisse verhindern.

9. Präsenz zeigen – auf Worte und Reaktionen achten

Improvisationsspieler reagieren nicht nur auf gesprochene Sätze. Sie nehmen Blickkontakt, Körperhaltung, Pausen und Veränderungen in der Stimmung wahr. Das hilft ihnen, ihre Mitspieler zu verstehen und die Szene gemeinsam zu gestalten.

Auch in Organisationen vermittelt Kommunikation weit mehr als den eigentlichen Inhalt einer Aussage. Ein zögerndes Nicken, eine auffällige Pause oder eine irritierte Nachfrage können Hinweise darauf sein, dass etwas noch nicht geklärt ist. Allerdings sollten wir nicht vorschnell interpretieren, was eine bestimmte Geste bedeutet.

Für die Praxis: Beobachten Sie die Reaktionen Ihrer Gesprächspartner und sprechen Sie mögliche Unklarheiten offen an.

„Ich habe den Eindruck, dass es zu diesem Vorschlag noch Fragen gibt. Was sollten wir klären, bevor wir entscheiden?“

Gerade bei Präsentationen und größeren Besprechungen hilft es, regelmäßig den Kontakt zu den Menschen im Raum herzustellen, statt ausschließlich dem eigenen Ablauf zu folgen.

10. Spielfreude bewahren – mit Neugier statt Perfektionsdruck kommunizieren

Improvisationstheater lebt von Konzentration, Können und gegenseitigem Vertrauen. Aber auch von Humor und der Freude daran, gemeinsam etwas Unerwartetes zu entdecken. Diese Freude ist keineswegs nebensächlich. Sie hilft den Spielern, sich auf neue Situationen einzulassen, ungewöhnliche Ideen zuzulassen und auch dann weiterzumachen, wenn nicht alles sofort funktioniert.

In Organisationen nehmen wir Kommunikation oft ausgesprochen ernst. Das ist angesichts wichtiger Entscheidungen verständlich. Allerdings kann der Anspruch, stets perfekt formulieren und argumentieren zu müssen, gute Gespräche auch erschweren.

Für die Praxis: Schaffen Sie Gelegenheiten, in denen Menschen Gedanken entwickeln dürfen, ohne dass jeder Beitrag sofort bewertet wird. Probieren Sie gelegentlich eine ungewöhnliche Perspektive aus und lassen Sie Raum für Humor.

Nicht jedes Meeting muss zu einem kreativen Erlebnis werden. Manchmal ist schon viel gewonnen, wenn die Beteiligten am Ende sagen: „Das war interessant. Auf diese Idee wäre ich allein nicht gekommen.“

C. Gute Kommunikation darf Freude machen

Natürlich ist ein Unternehmen oder eine öffentliche Verwaltung keine Theaterbühne. Wir müssen Entscheidungen treffen, mit unterschiedlichen Interessen umgehen und manchmal auch ein klares Nein aussprechen. Trotzdem lohnt sich der Blick auf das Improvisationstheater. Es zeigt, wie viel entstehen kann, wenn Menschen aufmerksam zuhören, einander unterstützen und bereit sind, Gedanken gemeinsam weiterzuentwickeln.

Die zehn Prinzipien lassen sich lernen und üben. Dafür braucht es keinen aufwendigen Trainingsplan. Ein guter Anfang wäre, sich für die nächste Besprechung eines davon vorzunehmen und bewusst auszuprobieren. Vielleicht wird daraus ein besseres Gespräch. Vielleicht eine überraschende Idee. Und vielleicht sogar eine Besprechung, die den Beteiligten richtig Freude macht.

Sollte dann jemand fragen: „Stand das so auf der Agenda?“, wäre eine passende Antwort:

„Nein. Aber gut, dass wir darüber gesprochen haben.“

↑